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/ Embodied Cognition |
Embodiment / Embodied Cognition
Die Vorstellung eines vom Körper
weitgehend unabhängigen menschlichen Geistes ist, zumindest in der
Forschung, mittlerweile überwunden. Embodiment, Verkörperung ist das
beherrschende Thema der aktuellen Diskussion. Doch die Praxis der
Veränderungs-Arbeiter und Persönlichkeits-Entwicklungshelfer (Coaches,
Berater, Trainer, Therapeuten) hinkt noch hinterher. Dabei ist das
Wissen bereits in der Welt. Alles, was noch fehlt, ist die Verknüpfung
aktueller neurobiologischer Erkenntnisse mit bewährten
Erfahrungssystemen wie Aikido, um Veränderungen deutlich wirksamer
unterstützen zu können.
Trennung und ..
Die Vorstellung eines Nebeneinanders
von Körper und Geist
(cartesianischer Dualismus) geht auf René
Descartes (lat.: Renatus Cartesius) zurück und hat über
Jahrhunderte
das Bild vom Menschen geprägt. ICH,
das war der Geist ("Ich denke, also
bin ich"), während der
Körper letztlich nur als anfälliges Transportbehältnis für dieses
eigentliche ICH verstanden wurde.
... Wiedervereinigung von Körper und Geist
Durch die neurobiologischen Erkenntnisse der
letzten Jahre ist diese Sichtweise vielfach und nachhaltig widerlegt
worden. „Ich bin mein
Körper“, „Wie und was ich körperlich wahrnehme,
bestimmt mein Bild der Welt, meine Realität“, so könnte man die
zentralen Erkenntnisse zusammenfassen. Das Denken, Wahrnehmen, Fühlen
und Entscheiden ist auf vielfache Weise mit unserer körperlichen
Existenz
verwoben bzw. durch unseren Körper bedingt (embodied cognition).
Und auch die Sicht des Menschen als
ein idealerweise nur mit seiner Vernunft entscheidendes Wesen ist –
glücklicherweise
– weit von der Realität entfernt. Denn das, was oft geringschätzig mit
(Bauch-) Gefühl, Instinkt u. ä. abgetan wird, ist, wie man inzwischen
weiß, eine bedeutende Fähigkeit der menschlichen Spezies: die
verdichtete Abwägung einer Vielzahl von Einflussfaktoren, die wir mit
unserer Ratio, mit unserem Großhirn allein nie bewältigt bekommen
würden.
Die verschiedenen Facetten dieser gleich- gewichtigen
Wiedereingliederung
des ICH in den menschlichen
Körper wird mit Embodiment
(Verkörperung)
bezeichnet und von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen
getragen: Psychologie, Neurologie, Philosophie,
Informationstechnologie, um nur die wichtigsten zu nennen.
Eigentlich ist es erstaunlich, das der cartesianische Dualismus so
lange unsere Vorstellung geprägt hat. Denn wohl jeder hat schon
mehrfach Erfahrungen gemacht, wie das
Denken den Körper beeinflusst:
eine
Erinnerung, die uns lächeln lässt oder zornig macht, die uns
zusammenzucken lässt, uns ein flaues Gefühl im Magen oder einen Kloß
im
Hals beschert. Und auch die umgekehrte Erfahrung, dass der Körper das
Denken und Empfinden beeinflusst, ist nicht selten: ein zufällig
wahrgenommener Geruch, der uns in eine vergangene Zeit zurück
katapultiert, eine freundschaftliche Berührung, die unsere innere
Unruhe
verschwinden lässt oder, im gleichen Kontext als aktives eigenes
Stimmungs-Management, ein paar lange, tiefe Atemzüge, mit denen wir uns
selbst zur Ruhe bringen.
Verstand, Körper und dazwischen: Unterbewusstsein, Gefühle,
...
Der Zusammenhang ist natürlich etwas komplexer, es gibt nicht nur
Geist
und Körper, es ist meist eine ganze Reihe von Faktoren, die unsere
Befindlichkeit in jedem Moment beeinflussen. Da ist zunächst der uns bewusste Gedanke,
aber auch damit zusammenhängende Erinnerungsfetzen,
die uns nicht immer bewusst sind, die wiederum damit verknüpften Gefühle,
positive oder negative (manchmal beides zugleich), eine körperliche
Verankerung dieser Gefühle (somatische
Marker, vgl. Antonio R.
Damasio), und nicht selten auch
eine komplexe Muskelreaktion, eine Körperhaltung, als erlernte
Reaktion
aus früheren Zeiten.
Bisherige Nutzung in Coaching und Beratung ...
In Therapie, Coaching und Beratung werden diese
Zusammenhänge zumindest teilweise seit einigen Jahren genutzt, vor
allem in der Hypnotherapie
nach Milton Erickson (bzw.
den
Teilbereichen daraus, die sich
NLP großzügig entliehen hat). Während der Körper dabei nur zu
Diagnosezwecken einbezogen wird (wie ist die aktuelle Befindlichkeit
des Klienten? Reagiert er körperlich auf die Intervention?), werden die
unterbewussten Anteile sehr gezielt beeinflusst, wobei seriös
arbeitende Coaches und Therapeuten dies dem Klienten gegenüber absolut
transparent machen. Durch die kombinierte Einbeziehung von (bewusstem)
Verstand und Unterbewusstsein erreicht man eine deutlich stärkere
Wirkung, als wenn man nur den Verstand allein einbeziehen würde.
... und notwendige Erweiterung im Interesse der Wirksamkeit
Aber eine weitere deutliche
Steigerung der Wirkung ist durch die Einbeziehung des Körpers möglich. Körperliches Erleben hat eine
wesentlich stärkere Überzeugungskraft
als Hören
(im Coaching-Gespräch) und eine körperliche
Verankerung führt zu einer
deutlich höheren
Umsetzungs-Wahrscheinlichkeit als eine rein mentale Verknüpfung.
Dies macht sich beispielsweise das Zürcher
Ressourcen Modell (ZRM) von Krause
/ Storch zunutze, eine wissenschaftlich bestens fundierte
Methode. Sie verwendet allerdings ein sehr subjektives und indirektes
körperliches Abbild des Veränderungsziels zur Verankerung.
Ain't nothing like the real
thing ...
...so könnte man die Quintessenz einer BBC-Dokumentation zur
Viktimologie vor einigen Jahren beschreiben. Ein junger Mann, der
mehrfach Opfer gewalttätiger Übergriffe geworden war, wurde durch
Spezialanzug und Spezialkamera derart unkenntlich gemacht, dass seine
Bewegungen auf dem Bildschirm nur als Lichtmuster seiner Körperachsen
und Extremitäten zu sehen waren. Zusammen mit ein paar anderen, auf
gleiche Weise unkenntlich gemachten Vergleichspersonen, wurden die
Mitglieder einer Jugend-Gang gebeten zu beurteilen, welche der Personen
wohl am ehesten Opfer eines Überfalls werden könnte.
Problemstellung ...
Wenig
überraschend, fiel die Wahl eindeutig auf den Protagonisten des
Beitrags, wobei seine Art des Gehens überraschend starke aggressive
Gefühle der Betrachter auslöste. Drei ebenfalls befragte ehemalige
Hooligans, die inzwischen die Seiten gewechselt hatten und als
Türsteher arbeiteten, kamen zur gleichen Einschätzung.
.. bisheriger Lösungsansatz, neuartiger Lösungsansatz...
Üblicherweise würde man erwarten, dass der Protagonist sich danach in
einer Einzel- oder Gruppen- therapeutischen Maßnahme über einige Monate
oder Jahre bemüht, seine Selbstsicherheit auf- und seine Unsicherheit
abzubauen, in der Hoffnung, dass sich diese Änderung dann auch deutlich
genug in seiner Körperhaltung niederschlägt. In diesem Film waren die
Autoren jedoch spontan auf die Idee verfallen, die ehemaligen Hooligans
zu fragen, ob sie sich zutrauen, dem Protagonisten bei seinem Problem
zu helfen. Natürlich fiel die Antwort positiv aus.
Die Therapie der drei selbsternannten 'Körpertherapeuten' bestand in
ein paar Stunden Training im Boxen und Schulung der Haltung
beim Gehen. Danach wurde wieder eine Aufnahme mit der Spezialkamera
angefertigt. Man ahnt es schon: diesmal war der Protagonist absolut
unauffällig, sein (Körper-)Haltung hatte sich deutlich verändert. Ob
sich seine Befindlichkeit ebenfalls direkt geändert hat, ist leider
nicht untersucht worden. Aber seine Wirkung
war eindeutig anders, rief andere Reaktionen hervor. Und so etwas
bleibt im täglichen Miteinander normalerweise nicht ohne Konsequenz auf
das Selbst - Bewusstsein.
... und Übertragungsmöglichkeiten in den Beratungskontext
Im Coaching hat man es glücklicherweise selten mit derart
bedrohlichen Situationen für den Klienten zu tun. Die hinderlichen
Muster allerdings, die sie oder ihn bis hierhin getragen haben aber
jetzt nicht mehr weiterführen, sind aber körperlich genau so tief
verankert und profitieren in gleicher Weise davon, wenn ein alternatives Muster körperlich
erfahrbar gemacht wird.
O Sensei, der Begründer des
Aikido, mit seinem Schüler Kenji Shimizu
Da es im
Coaching meist um Interaktions-
probleme
zwischen zwei und mehr Menschen
geht, bieten sich hier vor allem Aikido-
Elemente an, da diese den
zwischen- menschlichen Dialog hervorragend körperlich abbilden und
sogar alternative Lösungsansätze
nachvollziehbar machen, die im Erfahrungsschatz der meisten
Menschen nicht vorhanden sind. Selbstverständlich lässt sich dies auch
auf geeignete Aufgabenstellungen in Trainings und Seminaren übertragen.
Neben Themenstellungen aus dem Feld der Kommunikation ist auch die Persönlich- keitsentwicklung
dazu geeignet, mit der Unterstützung von Aikido - Elementen be-greifbar
gemacht zu werden. Denn Aikido vermittelt implizit auch eine ganze
Reihe von Einstellungen und Haltungen, deren Ausprägung und
Nützlichkeit direkt körperlich
erlebbar gemacht werden kann.
Kenji Shimizu
Sensei, Tendoryu Aikido
Das rührt daher, dass Aikido tief in der japanischen Budo-Tradition verwurzelt ist und
deswegen ohnehin eine enge Verknüpfung mit der philosophischen und
spirituellen Tradition des Zen
besteht, einer ursprünglich buddhistischen, mittlerweile aber
Konfessions- übergreifenden Schule der Seinserfahrung. Bereits der
Begründer des Aikido, O Sensei,
hat diese Verbindung bewusst herausgearbeitet. Und sein Schüler Kenji Shimizu Sensei, Begründer des
Tendoryu Aikido, hat diese Tradition unter anderem als Mitautor von
'Zen and Aikido' fortgesetzt.
Ich kann aus eigener Erfahrung
bestätigen, dass es schon ein faszinierendes Erlebnis ist, wenn man im
(Nicht-)Gelingen bestimmter Bewegungsmuster oder in ihrer individuellen
Ausprägung den Spiegel der eigenen
Persönlichkeit erkennt. Das steht keineswegs hinter anderen
Persönlichkeits-erhellenden Erfahrungen zurück, im Gegenteil.
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